Wehrpflicht: Pro und Contra

Nun ist es also beschlossen. Laut der Abstimmung im Bundestag vom 5.12.25 soll nun ein weiterer Schritt in Richtung Wehrpflicht unternommen werden. Zwar wird damit der Wehrdienst noch lange nicht verpflichtend werden, dennoch ist auch das nicht ganz ausgeschlossen.

Schließlich streben die Initiatoren dieses nun verabschiedeten Gesetzes an, das sogenannte schwedische Modell einzuführen. Das würde zwar auch noch keine volle und formelle Wehrpflicht sein, aber diese als Option vorbehalten, um eine durch Freiwillige nicht erreichte Sollstärke mit Wehrpflichtigen aufzufüllen. Diese Sollstärke würde dabei erhöht werden, auch so weit, bis im Endeffekt kein Unterschied mehr zu einer formellen Wehrpflicht bestehen würde.

Im Moment ist durch den neuen Gesetzentwurf nur die Musterungspflicht beschlossen, langfristig aber der Weg in Richtung einer Reaktivierung der Wehrpflicht eröffnet, auf welchem wir, so wie die Dinge sich derzeit entwickeln, auch langfristig weiter voranschreiten werden.

Ebenso wie die Wehrpflicht nun de facto angestrebt wird, regt sich aber auch zunehmend Widerstand gegen dieses Bestreben. Die Gründe dafür sind so vielseitig wie die Argumente, mit denendie Wehrpflicht selber oft vertreten wird. Ob Pazifismus, Pragmatismus im Umgang mit immer knapperen Steuergeldern oder Misstrauen gegen die Regierung in Bezug auf ihre Kompetenz und moralische Integrität.

Grund genug also sich einmal mit dem Thema der Wehrpflicht etwas genauer auseinanderzusetzen. Hierbei ist allerdings Folgendes zu beachten: Die Idee der Wehrpflicht an sich gilt es von ihrer möglichen Rolle in der derzeitigen Politik zu unterscheiden. Worin ihre Möglichkeiten bestehen und wie sie wahrscheinlich angewendet wird, kann bisweilen stark auseinandergehen (aber später dazu mehr).
Im Folgenden will ich mich also einmal diesem doch recht komplexen Thema widmen. Pro und Contra der Wehrpflicht gilt es zu durchleuchten, was für sie spricht und was gegen sie, sowohl allgemein als auch unter den jetzigen Verhältnissen.

 

Pro Wehrpflicht
Im Prinzip liegt die Wehrpflicht den freiheitlichen Werten, welche wir uns verschrieben haben, tatsächlich viel näher als der Begriff es vermuten lassen würde. Zwar wäre eine Wehrpflicht selber, auch unter Option eines alternativen Pflichtdienstes, alles andere als freiwillig, dennoch aber auch die Voraussetzung für die Existenz einer freien Gesellschaft.

Denn eine freie Gesellschaft, wie jede andere Form des menschlichen Zusammenlebens auch, ist keine selbstverständliche Sache. Sie wird genauso wenig wie alle anderen Formen menschlichen Zusammenlebens auch frei von der Frage nach Macht und politischer Ordnung sein können.Diese politische Ordnung sollte, um Freiheit und Interessen der Betroffenen zu berücksichtigen, so weit wie möglich in diesen selber begründet sein.

Ein Leben im Gemeinwesen erfordert stets dieses nach außen zu verteidigen und nach innen zu erhalten. Je mehr diese Aufgabe in der Hand seiner Bürger liegt, umso mehr wird sie auch diesen
gerecht werden.
In dieser Hinsicht wäre die Wehrpflicht ein Weg, diese Zuständigkeit, in Form der Wehrfähigkeit gegen äußere Bedrohungen (Angriffskriege) wie auch innere Bedrohungen (Tyrannei) unmittelbar
in die Hände der Bürger zu legen.

Denn was sind die Alternativen dazu? Nehmen die Bürger einer Nation nicht deren Angelegenheiten und damit auch die von deren Erhalt gegen innere und äußere Bedrohungen in die Hand, so wird es jemand anderes tun, ob nun eine kleine und eigenständig herrschende Elite innerhalb der Gesellschaft, ein fremder Eroberer, oder eine paternalistische Schutzmacht.In keinem dieser Fälle ist davon auszugehen, dass der für sich die Machtfrage gewonnene Akteur Rücksicht auf all die moralischen Gründe nehmen wird, aus denen man selber entschieden hat sich ihr nicht zu stellen.

Friedlichkeit macht einen unter der harten Realität spieltheoretischer, sozialer und politischer Gesetzmäßigkeiten nicht zur Taube, sondern zum Lasttier. Man ist nicht nur selber wehrlos gegen Aggression und dieser ausgesetzt, sondern wird für die Aggression dominanter Mächte in der einen oder anderen Form Dienst leisten müssen.
Hier stehen wir wie jede andere Gesellschaft auch vor einer klaren Wahl. Wir können entweder von uns aus den Dienst leisten, den sie erfordert, oder werden den Dienst leisten müssen, der von uns gefordert wird. Wir müssen tun, was es braucht, oder werden tun müssen, was man von uns braucht.

Dieses Grundproblem gilt übrigens nicht nur für die Wehrpflicht, sondern auch für alle anderen Erfordernisse menschlichen Zusammenlebens, wie etwa den Erhalt der sozialen Ordnung. Dieser erfordert eine gewisse Tugendhaftigkeit aller Bürger einer Nation, zu welcher auch die über einen Pflichtdienst vermittelten Erfahrungen beitragen können, wenn auch bei weitem nicht vollständig.

Im Moment mag das radikal klingen, rechts, reaktionär, illiberal oder auch einfach nur düster und böse.
Doch nach welchem Maßstab neigen wir dazu, derartig ernste Gedanken so leichtfertig zu verwerfen und moralisierte emotionale Bequemlichkeit über praktische Notwendigkeiten zu
erheben?
Sollten uns unsere Reaktionen nicht auch darüber zu denken geben, woher sie kommen, welche Weltbilder und Erwartungen sie also letztlich voraussetzen?

Eine reflexhafte Ablehnung der Wehrpflicht kann aus dieser Sicht nur aus der selbstverständlich gewordenen Annahme einer friedlichen Welt Sinn machen.

Öffnet man seine Perspektive jedoch und nimmt nicht die gegenwärtig zur Gewohnheit gewordenen Verhältnisse, sondern die über den Großteil der Welt und menschlichen Geschichte erkennbaren Umstände als den Normalzustand an, so sieht die Sache schon wieder ganz anders aus.Gewalt, Krieg und Konflikt sind dort eher Normalfall als Ausnahme gewesen.
So gab es z.B. selbst seit dem Zweiten Weltkrieg, trotz des weitgehenden Friedens in Europa, kaum ein Jahr ohne Kriege.
Auch sehen wir klar, dass sich bis jetzt noch keine Gesellschaft lange halten konnte, die diese Realität und die mit ihr einhergehenden Notwendigkeiten ignoriert hat. Dazu gehört es nun mal, dass Gewalt und Krieg immer als Möglichkeit im Raum stehen.

Dass wir es bis jetzt weitestgehend Frieden genießen konnten, ist hingegen nur unserem historisch gewachsenen und nun schwindenden technischen, wirtschaftlichen und militärischen Vorsprung
gegenüber dem Rest der Welt und dem, durch die überlegene aber ebenfalls schwindende Militärmacht der USA bereitgestellten, Schutzschild der Pax Americana zu verdanken.Der Grund, warum wir das wiederum nicht einsehen wollen, liegt darin, dass wir uns frühestens seit Rousseau und spätestens seit den 68ern dem Glauben verschrieben haben, wir könnten die Welt nach oben fallen lassen.
Doch weit gefehlt. Sich selbst dem Übel zu enthalten, welches man aus der Welt zu schaffen bestrebt, führt noch lange nicht dazu, dass es einem alle anderen gleichtun. Und genau das braucht es dummerweise aber.

Pazifismus funktioniert wunderbar, solange alle Pazifisten sind; Gewaltlosigkeit, solange alle anderen auch gewaltfrei sind; Nächstenliebe, wo alle anderen sie auch erwidern. Doch realistisch betrachtet, kann derartiges Verhalten, so nobel es auch gemeint sein mag, genauso gut dazu führen, dass man nicht zum Vorbild sondern zum Exempel wird.

Wer sich selber um der moralischen Reinheit willen aufgibt, wird dadurch nur den Platz für diejenigen räumen, welche nicht dieselben Skrupel hegen. Dass wir diesen Umstand bis jetzt nicht eingesehen haben, liegt nur daran, dass wir selber noch nicht mit ihm konfrontiert wurden.Und das ist, wie oben bereits beschrieben, kein eigener Verdienst, sondern historisch gewachsenen und bereits wieder verschwindenden besonderen Umständen zuzuschreiben.

Aus dieser Perspektive ist die Reaktivierung der Wehrpflicht als Teil eines größeren notwendigen Mentalitätswandels der wohlhabenden westlichen Welt und damit auch Deutschlands zu verstehen. So wie unsere Lage nun ernster wird, ausländische Mächte an Bedeutung gewinnen und zur potenziellen Bedrohung werden, so wird auch unsere Einstellung entsprechend ernster werden müssen. Wird sie das nicht, so werden wir unseren Platz in der Welt nicht für ein friedliches Utopia, sondern für fremde Aggressoren räumen; früher oder später.

Eine Rückbesinnung auf harte Realitäten, von Macht und Gewalt, auf den zivilisierten, geregelten und eigenverantwortlichen Umgang mit diesen, sowohl als Einzelner als auch als Kollektiv, steht an der Tagesordnung.
Hierbei kann die Wehrpflicht ihren Beitrag leisten, v.a. wenn sie mit der richtigen Einstellung verbunden wird. Pflicht und Recht gehören genauso zusammen wie Wehrhaftigkeit und Freiheit, weshalb eine Pflicht zur Garantie der Wehrhaftigkeit Voraussetzung zur rechtlichen Garantie der Freiheit ist.

 

Contra Wehrpflicht
Bei allem, was für die Wehrpflicht im Prinzip spricht, so spricht doch in der derzeitigen Lage genauso vieles gegen ihre Reaktivierung. Von der Gefahr eines Machtmissbrauchs, einer zunehmenden Militarisierung und damit einhergehenden Kriegslüsternheit, bis hin zu der nun angesichts unserer wirtschaftlichen Lage und Entwicklung immer schwerer wiegenden Kostenfrage, ist sie im Moment als höchst fragwürdig zu betrachten.

Doch die Wehrpflicht ist nicht nur unter den Umständen des derzeitigen politischen Moments fragwürdig, sondern bei genauerer Betrachtung auch in ihren Fundamenten.Grundsätzliche Gefahren und Probleme sind hier zu beachten, welche immer zumindest latent gegeben sind, in der derzeitigen Lage aber besonders zugespitzt zu Tage treten.

Bei allem, was eine Armee an Tugenden schützen, erfordern und z.T. auch fördern mag, sind ihre grundsätzliche Funktionsweise und Rolle doch alles andere als moralisch.
Die Armee an sich ist immer nur ein Werkzeug, ein amoralisches Instrument der Politik. Worin auch immer ihr Sinn und Nutzen liegen mag, liegt ihre reale Aufgabe immer darin Befehle zubefolgen, seien diese nun sinnvoll bzw. nützlich oder nicht.
Soldat zu sein mag zwar Tapferkeit und Kompetenz erfordern, aber auch immer mehr Gehorsam als Verstand, mechanisches Funktionieren, Skrupellosigkeit, im Extremfall die Bereitschaft zu töten und getötet zu werden.

„Ours is not to reason why, Ours is but to do and die“, wie ein berühmter britischer Ausspruch sagt. So ein Diktum mag für das Funktionieren militärischer Einheiten in unmittelbaren Gefechtssituationen nötig sein, auf die Armee als Ganzes, auf die Kriegspolitik, oder auch auf eine gesamte Gesellschaft übertragen, führt er jedoch immer ins Desaster.

Dieser Sache sind wir uns aus genau demselben Grund nicht bewusst, aus dem wir – wie oben bereits erläutert – auch nicht die Notwendigkeit der Konfrontation mit ihr einsehen.
Dass wir selber schon seit Generationen keine Kriege mehr erlebt haben, führt dazu, dass wir sie gleichermaßen verklären wie verdrängen.

Eine Unterhaltungsindustrie, die Krieg zum Spektakel macht, romantisiert und einen Eindruck von Klarheit und Kontrollierbarkeit vermittelt, welcher in realen Kriegen und Konfliktsituationen nicht gegeben ist, trägt das Übrige dazu bei.
Entgegen unserer durch Hollywood und Shooterspiele geprägten Vorstellungswelt sind reale Kriege chaotisch, schmutzig und gerade auch für Nichtkombattanten verheerend. Ihre Kosten gehen weit über diejenigen des Waffenmaterials und der durch dieses zu Tode gekommenen Menschen hinaus: Jenseits ganz gewöhnlicher Kriegsverbrechen ist hier mit Versorgungsengpässen, wirtschaftlicher und politischer Instabilität, langfristigen Schäden an Land und Landschaft und auch einer ebenso für die heimkehrenden Sieger nicht unerheblichen psychologischen Versehrung zu rechnen.

Wenn es also einen Grund gibt, sich dem Krieg zu stellen, dann sicher nicht den, welcher uns durch dessen durchschnittliche mediale Präsentation nahegelegt wird und den sich auch die Bundeswehr nicht zu schade ist für ihre Werbung zu bespielen.

Krieg ist wie andere Formen organisierter Gewaltarbeit nun mal eine Drecksarbeit: hart, schmutzig, bisweilen notwendig und der Müllentsorgung näher als dem Drachentöten.
Krieg ist ein Handwerk und keine Kunst. Zweckmäßigkeit, Effizienz und Sparsamkeit sollten entsprechend unsere Einstellung zu ihm begründen, nicht aber inszenierte Ästhetik und beschönigter Heroismus.

Was hier zum Kernelement der soldatischen Existenz gehört, wird nur allzu leicht übersehen. Und wer wöllte das nicht? Wie sonst könnten wir uns der Realität des Krieges stellen, außer indem wir
ihn glorifizieren? Das mag zynisch betrachtet den praktischen Nutzen haben, somit mehr Kriegsbereitschaft und damit höhere Siegeschancen zu haben, wird einem aber auch die Entscheidungsfähigkeit von diesem Nutzen zu profitieren untergraben.
Schließlich kommt es im Umgang mit Krieg nicht nur auf Kampfeswillen, sondern auch bedachtes Entscheiden an. Gut im Krieg kämpfen zu können nützt nichts, wenn man bei all dem Heroismus vergisst zu fragen, ob, wann und wofür man überhaupt kämpfen sollte.

Der mit der Einführung der Wehrpflicht zu erwartende Mentalitätswandel könnte somit auch nach hinten losgehen.
Statt durch Wehrhaftigkeit den Krieg abzuwehren, schlittert man immer mehr in ihn hinein. Ganz im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung führt die Vorbereitung auf den möglichen Krieg dazu, dass man ihm immer näher kommt.
Dies liegt einerseits an tiefgehenden unbewussten Anbahnungseffekten und andererseits an der Außenwahrnehmung gesteigerter Kriegsfähigkeit. Was als Abschreckung gedacht war, kann leicht als Provokation und Eskalation interpretiert werden und entsprechende Gegenreaktionen hervorrufen. Schnell entsteht daraus ein Teufelskreislauf aus Wettrüsten und eskalierender Gewalt, mit katastrophalen Risiken und garantiert wirtschaftlichen Enormkosten.

Eines sollten wir dabei nicht vergessen: Sämtliches in das Militär oder die Rüstung investierte Geld ist letzten Endes immer versenkt. Rüstung ist eine sterile Industrie.
Zwar mag es einige Vorteile durch zivile Anwendung militärischer Technologien geben, ansonsten ist aber der „Return on Investment“ bei sämtlichen Militärausgaben annähernd bei Null. Und auch wenn Aufrüstung die Wirtschaft bisweilen ankurbeln kann, so liegt das rein an der gesteigerten industriellen Produktion. Diese wäre sicherlich auch in anderen Bereichen umsetzbar und dabei auch deutlich lohnenswerter.

 

Persönliches Fazit
Die Wehrpflicht hält nach wie vor ein enormes Potential, nicht nur was die Steigerung unserer nationalen Wehrfähigkeit betrifft, sondern v.a. als Stützpfeiler der gesellschaftlichen Ordnung. In dieser Hinsicht ist sie als ein hoch effektives, aber auch moralisch neutrales Instrument anzusehen. Ebenso adressiert sie die hinter ihr stehende Notwendigkeit der nationalen Sicherheit.

Eine Wehrpflicht kann gleichermaßen zum Schutz einer freiheitlichen Ordnung beitragen wie dem Aufbau und Erhalt repressiver und autoritärer Strukturen in die Hände spielen. In welche Richtung sie dabei wirkt, hängt ganz davon ab, unter welchen Umständen und mit welcher Ausgestaltung sie umgesetzt wird.

Im Moment stehen wir noch auf der Kippe zwischen freiheitlicher und autoritärer Ordnung, wenn auch schon große Schritte in Richtung Letzterer unternommen wurden und noch weitere zu erwarten sind. Unter diesen Umständen, sowie unter Berücksichtigung der zunehmenden Inkompetenz und Feindseligkeit unserer herrschenden Klassen, ist eine Einführung der Wehrpflicht im Moment abzulehnen. Sie würde eher zu Machtmissbrauch und politischer Fahrlässigkeit führen und würde von ihrem eigentlichen Zweck (Erhöhung der Wehrfähigkeit) bei allen anderen Problemen kaum wirksam sein.

Was unsere Wehrfähigkeit vor allem beeinträchtigt ist nicht ein Mangel an Waffen- oder Menschenmaterial, sondern eine ganzen Reihe wesentlich tieferer Probleme. Diese sind: Missmanagement bei der Bundeswehr, eine grundsätzliche Inkompetenz und mangelndes nationales Selbstbewusstsein in internationalen Beziehungen, eine zum guten Ton gewordene Ideologie nationaler Selbstverleugnung, der zunehmende Verlust industrieller Kapazitäten, eine seit den 60er Jahren durch alle Institutionen stramm durchmarschierte Kulturrevolution, welche nun in Form des sogenannten „Wokismus“ Bahn bricht, einen Kulturkampf begleitet von zunehmender gesellschaftlicher Spaltung provoziert hat und allgemeine Verwirrung (76 Geschlechter lassen grüßen) sowie gesellschaftliche Spaltung hervorgerufen hat, eine dadurch verursachte Krise von Zuverlässigkeit und Vertrauen zahlreicher Institutionen, eine durch eine Mischung von Verwahrlosung und Demoralisierung verlorene Generation junger Männer und nicht zuletzt eine auf Balkanisierung und innere Konflikte zulaufende Migrationspolitik, die dazu auch noch ein offenes Tor für jedwede feindliche Infiltration darstellt.

All diese Probleme werden von demselben Staat, der nun von uns einen Beitrag zu seiner Verteidigung fordert, nicht angegangen (wenn nicht sogar selber mit vorangetrieben), genauso wenig ernst genommen und z.T. sogar bereits in jegliche Diskussion darüber diffamiert und unterdrückt.

Wo eine solche Politik vorangetrieben wird, ist trotz aller Rhetorik in die Gegenrichtung nicht davon auszugehen, dass diese mit einer ernsthaften Absicht zur Wiederherstellung der nationalen Wehrfähigkeit einhergehen kann. Ein Land dass sich selber zerstört kann, sich nun einmal auch nicht selber verteidigen.
Unter diesen Umständen jetzt von den Bürgern des eigenen Landes ihren Dienst gegenüber einem Staat einzufordern, der ihnen zunehmend den Rücken kehrt, sich bisweilen sogar direkt gegen sie wendet, ist absurd. Genauso wenig sollten wir uns entsprechend moralisch oder praktisch dazu verpflichtet fühlen.

Ob man nun persönlich zur Bundeswehr gehen will, ist eine andere Frage. Wer darin seine Erfüllung, einen Start in die persönliche Karriere (ob nun bei der Bundeswehr selber oder nur als Schritt im beruflichen Werdegang), eine lehrbare Erfahrung oder ein besonderes Lebensgefühl sucht, mag das durchaus tun. Mehr braucht man allerdings im Moment nicht davon zu erwarten.

Dennoch sollten wir sowohl die Frage der Wehrfähigkeit als auch die nach der Wehrpflicht nicht aus den Augen verlieren. Sich mit ihr auseinanderzusetzen kann uns dabei helfen, eine andere Zukunft ins Auge zu fassen, auch wenn deren Verwirklichung noch nicht absehbar ist.
Die Idee der Wehrpflicht, die Frage nach dem Sinn und der Rolle bewaffneter Streitkräfte, sowie nach der gesamtgesellschaftlichen Bewältigung von Gewalt und Krieg, sind nach wie vor unentbehrlich. Wollen wir ernsthaft andere Verhältnisse als die jetzigen haben, werden wir uns dem auf Dauer nicht entziehen können.

Schließlich liegt es an uns als Dissidenten nicht bloß aufzuzeigen, was alles falsch läuft, sondern auch, wie die Dinge anders und besser sein könnten. Und das können sie sowohl in der Realität als auch in glaubwürdiger Kritik nur, wenn wir uns dabei auch ernsten und grundsätzlichen Problemen und Herausforderungen stellen, wozu eben auch das der nationalen Sicherheit gehört.

Will man eine Sache überwinden, muss man sie durch etwas Besseres ersetzen. Man muss zugleich Probleme aufzeigen und Lösungen anbieten.
Eine solche Lösung, oder viel mehr Teil einer Lösung größerer Probleme (nationale Sicherheit, Integration der bewaffneten Streitkräfte, Verankerung des staatlichen Gewaltmonopols in der Bevölkerung), kann und sollte die Wehrpflicht sein. Dies kann und wird aber erst dann geschehen, wenn wir anfangen, uns diesen größeren und tieferen Problemen zu stellen.